Ich erinnere mich lebhaft, wie Martin Scorseses Taxi Driver mich und meine Freunde aus der High School beeinflusst hat. Die Figur des Travis Bickle wirkte auf mich in einer seltsamen Weise prophetisch. Ein Mann, der über den Dreck schimpft, dem er sich in New York als Taxifahrer aussetzt. Dennoch lässt er sich auf eben genau dieses Verhalten ein über welches er sich beschwert. Travis ist ein Mann des Widerspruchs. Es ist nicht sein Anspruch Probleme zu lösen, sondern er setzt sich ihnen aus, weil sie seinen Hass nähren. Vielleicht ist dies der Grund, warum er prophetisch erscheint, da die Parallelen von Travis' Persönlichkeit innerhalb der sich damals verstärkenden „Alt-Right"-Bewegung sichtbar werden. Eine Persönlichkeit, die sich Ungerechtigkeit aussetzt, um sie als Werkzeug zu nutzen, um seinen Hass zu befeuern.

Travis könne nachts nicht schlafen, aus diesem Grund macht er Nachtschichten in der Stadt die niemals schläft. Man sieht ihn in einer Totale das Depot verlassen, während er Alkohol trinkt. Das gibtein gutes Verständnis über den Zustand der Stadt, den Zustand von Travis' Leben – ja, es ist heruntergekommen. Travis ist winzig und wertlos, ein Niemand in den scheinbar endlosen Straßen dieser albtraumhaften Stadt. Das Verhalten, dem er als Taxifahrer begegnet, ist verwerflich: Zuhälter, die ihre minderjährigen Prostituierten aus dem Taxi zerren, oder Yuppie-Fahrgäste, die Travis ihre entsetzlichen Mordfantasien schildern. Was daran bedeutsam ist: Der Dreck ist real, er ist keine Erfindung aus Travis’ verdrehtem Geist. Trotzdem ist die Reaktion von Travis vielleicht bedeutsamer als die Ungerechtigkeit die sichtbar ist. In der bereits erwähnten Szene, als er den Yuppie fährt, wird er in einer Nahaufnahme gezeigt, wie er aufmerksam zuhört. Es ist unklar, was er denkt.

Seine Augen sind weit aufgerissen. Stimmt er dem Yuppie zu? Verachtet er den Yuppie? Man weiß es nicht. Was jedoch klar wird ist: Travis kann nicht wegsehen. Eine der frühesten Einstellungen im Film ist eine extreme Nahaufnahme seiner Augen, die durch die Windschutzscheibe zu schauen scheinen. Rote Strahlen werden gegen seine Augen projiziert und symbolisieren seinen Hass. Der Hass treibt ihn an, er scheint süchtig nach der Kriminalität der Stadt zu sein. Tatsächlich kann er, wann immer er mit anderen Menschen interagiert oder sich durch Voice-Over an das Publikum wendet, nie umhin, seinen Hass auf die Stadt zu betonen. Der Hass wird zur Persönlichkeit. Er schimpft vor dem Präsidentschaftskandidaten Palantine, dass die Stadt „die Toilette runtergespült" werden müsse. Die reale Ungerechtigkeit spielt keine Rolle.

Travis' problematisches Verhalten wird mit der Einführung von Betsy betont. In ihrer Einführungsszene ist der Kontrast hell, und die Szene bewegt sich in Zeitlupe, was die Schönheit des Moments übertreibt. Travis scheint anzuerkennen, dass nicht alles moralisch abstoßend und schmutzig in New York ist. Doch Travis scheint sie fast unmittelbar zu verstoßen, als er sie zu einem Date ausführt und sie ein Sexkino besuchen. Nachdem sie entsetzt geht, versteht er nicht, warum sie wütend ist. Anstatt Verantwortung zu übernehmen und sein Handeln zu reflektieren beginnt er sie zu verurteilen. Sie sei nicht anders als der Rest dieser widerlichen Stadt. Er stößt sie weg, um sein Spiel des hilflosen Opfers in dieser hilflosen Stadt fortzusetzen. Wenn die gesamte Stadt nicht zu retten ist, wie kann Betsy dann anders sein? Die Wahrheit über Betsy ist, dass sie Travis vielleicht unbeabsichtigt als einen Mann des Widerspruchs entlarvt. Einen Mann, der für nichts anderes steht, als die Ungerechtigkeit der Stadt zu nutzen, um egoistisch seine Wut zu nähren. Dies zeigt sich in den kleinen Details, wie er sein Leben lebt: Er behauptet, keine Pillen mehr zu nehmen und keinen Alkohol mehr zu trinken, nur um am Ende des Films einen Haufen Pillen mit einem großen Schluck Bier hinunterzuschlucken. Was er sagt ist am Ende nichts als eine leere Parole, um eine hasserfüllte Persönlichkeit zu rechtfertigen.

Travis greift vermeintlich den Dreck in der Stadt an, tut aber nichts um die zugrunde liegenden Probleme zu lösen. Tatsächlich scheint er von dem Dreck wie von einer Droge abhängig zu sein, ohne dies scheint er nicht die Fähigkeit zu haben, sich auszudrücken. Er ist ein Radikaler ohne Prinzipien oder Lösungen, weshalb ich in ihm vielleicht eine Vorahnung der Alt-Right-Bewegung sah. Eine Bewegung, die von den realen materiellen Problemen abhängig ist um sich zu befeuern. Travis Bickle zeigt, dass leere Plattitüde leicht zu Anreizen für Gewalt führen können.

Taxi Driver:
Der Widerspruch als Prophezeiung

19/12/2022